Beim Abholen heißt es wieder: „Ihr Kind hat heute geschlagen.“ „Es hört nicht auf uns.“ „So kann es in der Gruppe nicht weitergehen.“
Und irgendwann entsteht bei Eltern das Gefühl, dass mit ihrem Kind etwas nicht stimmt.
Auffälliges Verhalten ist nicht automatisch ein Zeichen dafür, dass ein Kind schlecht erzogen ist. Sehr häufig zeigt ein Kind mit seinem Verhalten vielmehr, dass es in bestimmten Situationen mit seinen Gefühlen, Anforderungen oder Reizen noch nicht ausreichend umgehen kann.

Verhalten ist das, was wir von außen sehen
Für Erwachsene sieht dieses Verhalten schnell absichtlich aus.
Kinder zeigen es unterschiedlich
Manche Kinder schlagen, treten oder werfen Gegenstände. Andere schreien, weinen, rennen weg oder verweigern sich. Manche provozieren scheinbar ständig. Andere ziehen sich zurück, sprechen kaum noch oder wirken wie abgeschaltet.
Darunter liegt meistens mehr
Hinter der Frage „Warum macht mein Kind das?“ steckt häufig eine wichtigere: „Was passiert in meinem Kind, bevor es so reagiert?“ Darunter können sich Überforderung, Angst, Frust, Scham, Eifersucht, Unsicherheit, Müdigkeit oder Reizüberflutung verbergen.

Warum eine Kita ein ganz anderer Ort ist
Dieser Satz fällt in Elterngesprächen sehr häufig. Und er bedeutet nicht automatisch, dass die Kita oder die Eltern etwas falsch machen.
Eine Kita ist für ein Kind ein hochkomplexer Ort: viele Kinder, viele Geräusche, Übergänge, Regeln, Erwartungen, Konflikte, Warten, Teilen und Sich-Behaupten. Dazu kommen Hunger, Müdigkeit und ein langer Betreuungstag.
Ein Kind kann zu Hause deshalb vollkommen ausgeglichen wirken und in einer großen Gruppe deutlich schneller an seine Belastungsgrenze kommen. Umgekehrt gibt es auch Kinder, die sich in der Kita sehr stark zusammennehmen und erst zu Hause emotional zusammenbrechen.
Deshalb sollte niemals nur gefragt werden, wer etwas falsch macht. Viel hilfreicher ist: Was ist in dieser Situation für dieses Kind schwierig?
Etwas zu wissen bedeutet noch nicht, es in jeder Situation umsetzen zu können.
Monique GerlachWie Erwachsene beim Regulieren helfen
Co-Regulation bedeutet, dass ein Erwachsener einem Kind hilft, seine Gefühle zu regulieren, solange es das noch nicht allein schafft.
Wie das aussieht
Das kann ganz unspektakulär aussehen. Ein Erwachsener spricht ruhig, bleibt in der Nähe, hilft dem Kind, Abstand von einer Konfliktsituation zu bekommen, benennt das Gefühl und setzt gleichzeitig eine Grenze. Zum Beispiel: „Du bist gerade richtig wütend. Ich lasse nicht zu, dass du schlägst. Ich helfe dir, wieder ruhig zu werden.“
Grenzen bleiben bestehen
Co-Regulation bedeutet keinesfalls, dass ein Kind alles darf. Im Gegenteil: Gerade Kinder, die schnell überfordert sind, brauchen oft sehr klare und verlässliche Grenzen. Aber diese Grenzen können gesetzt werden, ohne das Kind abzuwerten.
Erst beruhigen, dann reden
Ein hoch erregtes Kind kann häufig noch gar nicht gut reflektieren. Deshalb gilt: erst regulieren, dann reflektieren. Wenn das Kind wieder ruhiger ist, helfen Fragen wie „Was war vorher los?“ oder „Wann hast du gemerkt, dass du wütend wirst?“
Ein Kind ist nicht aggressiv
Es zeigt aggressives Verhalten. Ein Kind ist nicht schwierig. Es erlebt möglicherweise Situationen, die für seine bisherigen Bewältigungsstrategien zu schwierig sind.
Fragen, die Sie stellen können
Damit verschiebt sich das Gespräch weg von der Schuldfrage hin zu dem, was dieses Kind braucht.
Was passiert meistens unmittelbar, bevor mein Kind ausrastet?
Gibt es bestimmte Situationen, in denen es häufiger vorkommt?
Was hilft meinem Kind in diesen Momenten?
Was funktioniert an anderen Tagen besser?
Wie wird mein Kind in einer solchen Situation begleitet?
Können wir gemeinsam zwei oder drei Strategien vereinbaren?

Was Eltern tun können
Sie müssen zu Hause nicht jede Kita-Situation nachbesprechen.
Vor allem sollten Kinder nicht jeden Nachmittag noch einmal ausführlich für etwas zur Verantwortung gezogen werden, das viele Stunden zuvor passiert ist und in der Kita bereits geklärt wurde.
Viel hilfreicher kann es sein, langfristig an Fähigkeiten zu arbeiten: über Gefühle sprechen, eigene Gefühle benennen, gemeinsam Körpersignale beobachten und Strategien entwickeln. Fragen Sie beispielsweise: „Wie fühlt sich Wut eigentlich in deinem Körper an?“ oder „Was hilft dir, wenn es dir zu viel wird?“
Co-Regulation bedeutet nicht, dass Eltern grenzenlos geduldig sein müssen. Kinder brauchen Erwachsene, die gleichzeitig liebevoll und klar sein können. Das gibt Sicherheit.
Nicht das Kind ist das Problem. Sein Verhalten kann ein Hinweis darauf sein, wo etwas gesehen, verstanden oder verändert werden möchte.
Monique GerlachNicht jedes Verhalten braucht eine Diagnose
Manchmal helfen bereits Veränderungen im Alltag, bessere Absprachen zwischen Kita und Eltern oder gezielte pädagogische Unterstützung. Wenn Verhalten jedoch sehr häufig auftritt, sich deutlich verstärkt, das Kind selbst darunter leidet oder der Alltag dauerhaft stark belastet ist, kann eine längere Beratung hilfreich sein. Die erste Frage muss dabei nicht lauten, was mit dem Kind nicht stimmt. Sie kann auch lauten: Was versucht mein Kind uns gerade zu zeigen?
